Weltmeisterschaften 2008

Von Michael Obrecht

1. Tag

Es begann wie im Märchen. Nach einem Flug durch eine ruhige Nacht war die Deutsche Mannschaft in Kaoshiung / Taiwan gelandet. Auf die Minute genau wurde man am Flughafen in Empfang genommen und in ein Traumhotel begleitet. Der Blick über Hafen und Stadt war vom Feinsten und versprach Geschichten aus 1000 und einer Nacht.
Dass es mindestens 1000 und ein Kilometer werden sollten, merkten die angereisten Sportler aber spätestens bei der ersten Fahrt zum Stadion. Zwischen 45 und 60 Minuten dauerte der Trip vorbei an müllübersäten Straßen durch einen grünen Dschungel hinauf zur I-Shou-Universität. Das durchaus ansprechende Gebäude beherbergte eine durchaus gefällig wirkende Bahn der seltsamen Größe 40 x 33 m.
Was dann geschah überbot alles bisher an Weltmeisterschaften Erlebte. And mind you: hier spricht ein altgedienter Kämpfer. Die Pflichtläufer quälten sich durch ihr Training und griffen von Minute zu Minute zu weicheren Rollen. Hm, man will ja nicht gleich am ersten Tasg murren. Als sich jedoch im folgenden Training die Tanzpaare überschlugen und die Paarlaufpaare in den Seilen landeten, war Schluß mit lustig. Der Weltverband sagte den ersten Trainingstag in Gänze ab. Über Nacht wurde mit einer Wundertinktur aus Essig und Cola (!!!) der Boden bearbeitet. Wunder, oh Wunder, schon am zweiten Trainingstag war man startklar. In die Begeisterung der morgentlichen Pflichtläufer über „das Wunder von Kaoshiung“ mischten sich am Nachmittag die ersten kritischen Stimmen der Kürläufer. Italien drohte mit Abreise. Weltpräsident Pollard hielt in der Eröffnungszeremonie keine Begrüßungsrede sondern flehte um Kooperation und Wille zum Dableiben und Durchhalten. Das kann ja heiter werden, dachte man und ahnte nicht, wie heiter der nächste Tag werden sollte.
Und dieser begann mit heftigen Turbulenzen. Nach Mitternacht hatte man die Busabfahrts-zeiten um eine halbe Stunde vorverlegte, was am nächsten Morgen zu erheblicher Aufregung im Gran-Hotel führte. Kaum waren die alarmierten Läufer aus ihren Betten in den wartenden Bus gestolpert, hatten sie wenigstens Gelegenheit, sich auf der langen Busfahrt zu beruhigen – nicht ahnend, dass der wahre Knaller noch auf sich warten ließ. Spätestens als beim offiziellen Einlaufen zur Pflicht Junioren Damen und Herren der erste Läufer beim ersten Start der Länge nach auf das Parkett schlug, dämmerte allen Beteiligten, dass sie einem historischen Moment beiwohnen durften. Was auch immer geschehen war, der Boden war unbelaufbar. Mit dem Wort Chaos beschreibt man nur vage und unzureichend die anschließende Situation. Die Durchführung der WM 2008 stand tatsächlich für einem Moment auf der Kippe. Mindestens ein Dutzend Rettungstheorien kursierten, und manch ein Beteiligter zauberte ein Wunderpulver aus der Tasche. Das Gros der Teilnehmer zog frustriert die Schuhe aus, die asiatischen Sportler eierten noch eine Weile verzweifelt übers Parkett, die Stimmung jedoch war gleichermaßen auf dem allertiefsten Nullpinkt. Nach endlosem Hin und Her wurde der Boden mit heißem Wasser geschrubt. Und diese einfach Lösung zeigte Wirkung. Die Sportler zogen ihre Stiefel wieder an, die Wertungsrichter wurden auf dem Unigelände eingefangen und los konnte es gehen.
Die deutsche Läufer / - innen hehielten – dem Herr sei Dank – die Nerven und zogen erfolgreich ihre Runden. Allen voran Julia Woyciechowsky ( Hanau ). In einem Start-Ziel-Sieg unterstrich sie ihre schon jahrlang dauernde Überlegenheit. Zum dritten Mal wurde sie Juniorenweltmeisterin in der Pflicht. Besonders beim abschließend Gegedreier bewies sie ihre Klasse. Aber nur einer der Wertungsrichter honorierte ihre Leistung mit einer 9.3 – schade, selbst die Konkurrenz aus USA hätte ihr neidlos eine komplette 9er-Wertung gegönnt. Dahinter landeten die US-Girls Brittany Adams und Jessica Feuerstein noch vor der starken Konkurrenz aus Italien mit Michela Atzori und Deborah Sbei. Dominique Aurich ( Hanau ) wurde 7. unter 21 Teilnehmerinnen. Eine Verbesserung um einen Platz gegenüber dem Vorjahr, aber dennoch ein bisschen unter ihren Möglichkeiten. Ein bis zwei Ränge höher waren durchaus drin.
Gleichzeitig känpften die Herren um ihren Titel auf der anderen Hälfte der Bahn. Yannick Neumann ( Darmstadt ) und Markus Lell ( Heilbronn ) hatten im Training zunächst mit den sich dauernd verändernden Gegebenheiten zu kämpfen, waren dann jedoch startklar. Yannick war der deutsche Favorit bei den Wertungsrichtern, Markus wurde zu Unrecht ein bisschen kurz gehalten. Überraschend zog von Anfang an der Italiener Elis Carriero davon. Beim Deutschland-Pokal noch deutlicher Vierter hinter dem deutschen Pflichttrio erlief er sich im fernen Asien die Goldmedaille. Knapp vor Yannick Neumann, der die eine oder andere Unsauberkeit hätte vermeiden müssen, um selbst ganz oben zu stehen. Dennoch Rang 2 bei der 1. WM – das war schon gut. Markus Lell wurde unglücklicher und knapper 4. mit vier Plätzen unter den ersten drei Läufern – genau wie im vergangenen Jahr. Er schien klar unterbewertet. So ging die Bronze medaille an Luca Zanchetta ( Italien ). Ein Blick in die Ergebnislisten beider Wettbewerbe zeigt ein skandalöses Mischmasch, und wieder einmal erhebt sich bei einer internationalen Meisterschaft die Frage: „Haben alle Wertungsrichter denselben Wettbewerb gesehen?“ ( Ende 1. Wettkampftag )


2. Tag

Der zweite Wettkampftag begann unspektakulär. Man hatte die Bodenprobleme gelöst. Einem reibungslosen weiteren Verlauf stand nichts im Wege. Die Solotänzerinnen entschieden ihren Wettbewerb in meist recht temperamentvoller Weise. Nicole Leonard ( USA ) war dabei die ausdrucksstärkste und heimste Gold ein. Dahinter landete Paulo Santos ( Portugal ) – man merke: im Solotanzen gibt es keine Geschlechtertrennung – und Ambra Benedetti ( Italien ). Am Ergebnis der Pflichttänze hatte sich nichtrs geändert. Maya Goody ( USA ), die es als Vierte in Händen gehalten hätte stürzte und fiel auf Rang 5 zurück. Deutsche Teilneh-merinnen waren nicht am Start.
Dagegen wurde es bei Junioren Damen aus deutscher Sicht wieder interessant. Die Kurzkür stand an. Da es in der WM-Halle keine offiziellen Aushänge gab, kursierten mehrere und unterschiedliche Starterlisten zu diesem Wettbewerb. Von ursprünglich 26 Läuferinnen bei der Auslosung war das Feld insgeheim auf 25 später sogar auf 24 Sportlerinnen geschrumpft. Wer in den Modus des Einlaufens bei einer Meisterschaft eingeweiht ist, kann nun ahnen, dass Jana Kopp ( Heilbronn ) mit Startnummer 6 in die Mühlen einer „leicht“ chaotischen Organisation geraten musste. Zunächst für Einlaufgruppe 1 nicht aufgerufen, da sie und andere ( Offizielle? ) von 25 Starterinnen ausgingen, zitierte sie der Schiedsrichter ( von 26 Läuferinnen ausgehend ) im letzten Moment auf die Bahn – just als das Einlaufen für Gruppe 1 zu Ende war. Man gestattete das Einlaufen und die Startposition 1 in Gruppe 2. Bei ebendiesem Aufwärmen kugelte Jana sich den Ellbogen aus, der Gottseidank wieder in seine Fassung zurücksprang. Großes Palaver – okay, Jana durfte nun als Letzte der Gruppe 2 an den Start gehen. Als wäre dieses Chaos noch nicht genug, fand sich zum Kurzkürvortrag die CD von Jana Kopp nicht an. Als Bundestrainer Lienhard einmal quer über die Bahn gespurtet kam, war die CD zwar wieder aufgetaucht, weigerte sich jedoch zu spielen. Auch dieses Problem war nach fünf Minuten gelöst, und Jana zeigte eine ansprechende Leistung, die nur durch einen eigentlich unnötigen Fehler beim Doppelaxel getrübt wurde. Mit Spannung sah man den Wertungen entgegen. Doch Fehlanzeige: in diesem Moment versagte die gesamte Elektronik der Anzeigentafel. Flugs wurden die altbewährten Wertungstafeln hervor-gezaubert, deren Zahlen allerdings so klein waren, dass die Ansagerin – des Englischen ohnehin kaum fähig – mächtig ins Schleudern kam. Zu diesem Zeitpunkt wusste man nicht mehr, ob man sich todlachen oder 1001 Tränen vergießen sollte. Man fügte sich in das Unvermeidliche unter dem Slogan: „ Erst hatte der Veranstalter kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.!“ Jedenfalls verpasste Jana Kopp mit Rang 11 nur knapp das Finale – schade, denn vier der sieben Wertungsrichter hatten sie dort gesehen. Der Abend nahm seinen Gang. Mal fiel die Tonalage, mal die Anzeige, mal beide aus. Unglaublich, dass dieser Wettbewerb jemals zu einem Ende kam. Doch dann gab es noch Erfreuliches für den Deutschen Verband. Lisa Jakisch ( Hamborb ) wurde mit einer ähnlich starken Leistung wie Jana 9. und damit Finalteilnehmerin. Ganz vorne tummelte sich einmal mehr Deborah Sbei ( Italien ), die ein schweres aber unsauberes Programm ablieferte vor Estefania Alegri
( Argentinien ) und Julia Ventura Rey ( Spanien ).
Doch der Abend war noch nicht zu Ende. Ein Ende, das allen Ärger vergessen machte. Bei der Kurzkür der Herren gingen die Favoriten aus Italien mit den Startnummern 1 und 2 ins Rennen Dario Betti und Luca Zanchetta boten viel Schwieriges, vermasselten jedoch beide den dreifachen Lutz als gefordertes Tippsprung-Element. Kurzkür-Europameister Pierre Merriel ( Frankreich ) bauselte vor sich hin und war meilenweit von seiner Leistung in Malaga entfernt. Die US-Boys waren wild und schnell, aber auch technisch unzureichend. Die starke Konkurrenz aus Spanien und Argentinien brachte ebenfalls viel und doch zu wenig. Mit Startnummer 11 ging Markus Lell ( Heilbronn ) an den Start, und es wurde sein Abend. Zwar zeigte er nur einen Dreifach-Toeloop als Tippsprung, aber der war blitzsauber ebenso wie sein restliches Programm mit Doppelaxel und Dreifach-Toeloop-Rittberger-Thoren-Dreifach-Salchow sowie seinen Hacken-Piroutten. Ein Schrei der Begeisterung gellte durch die Halle, als an der ( wieder funktionierenden ) Anzeigentafel das Ergebnis aufleuchtete: Rang 1 für Markus Lell – wann hat es das zum letzten Mal gegeben?! Man hätte heulen können – diesmal allerdings vor Freude!


3. Tag

Der dritte Wettkampftag war nur von einem einzigen ( erfreulichen ) Ereignis „überschattet“.
Markus Lell holte eine Kürmedaille! In seiner schwierigen Kür meisterte er alle Dreifach-Spünge ( außer dem Rittberger ) und ließ nur kleine Schwächen bei den Pirouetten erkennen. Gegen Ende schienen darüber hinaus seine Kräfte nachzulassen. Diese kleinen Archillesversen machte sich Konkurrent Dario Betti zu nutze. Äußerst knapp zog er an Lell vorbei und wurde Weltmeister. Doch eine Kür-Silbermedaille war Lohn genug für eine tolle Leistung, die sprungtechnisch zu den Raritäten im deutschen Rollkunstlaufen der letzten Jahre zählen muss. Herzlichen Glückwunsch an Lell und Lienhard, die das wahre „Wunder von Kaoshiung“ vollbrachten.
Die Krönung war dann der Weltmeistertitel für Markus Lell in der Kombination. Unangefochten konnte er diese Ehre mit nach Hause nehmen und damit den deutschen Rollsport neu positionieren.
Rang drei ging in der Kür an Xavier Lopez ( Spanien ), in der Kombination an Gustavo Casado de Melo ( Brasilien ).
Rund lief es auch bei Lisa Jakisch. Mit nur einem kleinen Fehler deim Doppelaxel kam sie in der Kür gut über die Runden und holte einen Platz auf: Rang 8. Bei Jana Kopp dagegen machte sich die Verletzung bemerkbar. Sie wirkte nicht so sicher und frei, so dass sie am Ende eine Position einbüßte und auf die 12. Stelle zurückfiel. Siegerin in Kür und Kombination wurde Debroh Sbei. In der Kür vor Cristina Trani, die den größten Spung machte, und Julia Ventura Rey ( Spanien ). Sie hatte Glück: ihre direkten Konkurrentinnen patzen und ermöglichten ihr Bronze trotz vieler Unsauberkeiten. Sara Pregelj ( Slowenien ) und Stephanie Campbell ( Australien ) wurden glückliche Silber- bzw. Bronzemedaillen-Gewinnerinnen in der Kombination.
Sowohl die Tänzer als auch die Paarläufer mussten sich keiner deutschen Konkurrenz erwehren. Erstere mangels Masse, letztere aus alterstechnischen Gründen. Mehr über diese Wettbewerbe, sobald es mir gelungen ist, eine Ergebnisliste zu ergattern.
Die Siegerehrungen dieses Tages, die durchzuführen sich als äußerst schwierig erwiesen, ( es waren noch immer unterschiedliche Zeitpläne im Umlauf ) waren eine traurige Angelegenheit. Zur Unfähigkeit der Organisatoren kam wohl jetzt auch noch eine gewisse Erschöpfung, denn liebloser, hingeschluderter und unwürdiger ging es nicht mehr. Da es zu diesem Zeitpunkt schon spät war, und die letzten Busse draußen mit laufenden Motoren warteten, wurde das Ganze zu einem Familientreffen, bei dem man jeden mit Vornamen kannte. Die Fähigkeit, über die bizarren Aussetzer zu lachen, nahm rapide ab, und man war froh, als man die Stätte des Chaos verlassen konnte. Das Wort von Chaoshiung machte die Runde.


4. Tag

Der Samstag der ersten Woche stand im Zeichen der Showgruppen – klein und groß. In der kleinen Version waren nur fünf Teams am Start. Einstimmiges Credo auf Nachfrage: zu teuer, zu weit, zu wenig Chancen. Die verbleibenden fünf mussten allein für Stimmung und Furore sorgen. Und das taten sie. Gleich in der ersten Vorstellung der Gruppe „Magma“ um Super-star Sandro Guerra wurde auf Teufel komm raus der Teufel ausgetrieben, die spanische Gruppe „Blanes“ widmete sich einer obsessiven Liebe, in deren Folge sich der männliche Hauptdarsteller lieber einer Schaufensterpuppe zuwandte als seinen Gespielinnen aus Fleisch und Blut. Nanana! Da waren die Mädels und Jungs aus Taiwan mit ihren „Broadway Nights“ doch schon unschuldiger – leider aber auch technisch schwächer. Das viele Goldgeklitzere war kein Ersatz für läuferische Fähigkeiten, und die taiwanesische Version von Ginger Rodgers / Fred Astaire war vom Original so weit entfernt wie das Matterhorn von Sylt. Bemerkenswert, dass alle 12 auf Inlinern waren, und dass ein „Entwicklungsland“ wie Taiwan überhaupt so eine Gruppe an den Start gebracht hatte. Bedeutungsschwangeres kündigte sich mit der Gruppe „Renovation“ aus Italien an – nämlich in Form einer Dreiecksgeschichte einer Frau zwischen zwei Männern. Die etwas blutleere Actrice, um die es sich wirklich nicht zu kämpfen lohnte, entfachte eine Rivalität unter den unbelehrbaren Machos, die natürlich in einem Mord gipfelte. Der schwarz-rot-goldene ( griechische Tragödien- ) Chorus wogte im Hintergrund und brachte Verzweiflung zum Ausdruck. Das war natürlich ganz große Kunst und einigen beeindruckten Wertungsrichtern Noten bis 9,9 wert. Verzeihung, aber man sollte Tragödie schon noch von Trash unterscheiden können. Das sogenannte „Elektro Geo Drama“ rundete die äußerst unterhaltsamen 45 Minuten der kleinen Showgruppen ab. Sicher hätte man mit dem spanischen Choreographen mehrere Nächte bei vielen Flaschen Wein sitzen müssen, um das Ganze zu verstehen. Es wurde viel gerollt und gewälzt auf der Bahn, aber auch großflächige Synchronität geboten zu sphärischer Musik in mausgrauen Kostümen. Endzeitstimmung bei Publikum und Wertungsrichtern. Damit war man dann auch wirklich beim Ende angekommen und musste feststellen, dass nicht die brilliante Truppe um Sandro Guerra gewonnen hatte, sondern das Geschlechterdrama aus Italien vor dem Umweltgau aus Spanien. Schade, dennoch danke an alle, die uns ein wirklich unterhaltsames Dreiviertelstündchen gegönnt hatten
Danach war erst mal wieder eine der vielen unnötigen Pausen, die sich bis zu einer Stunde hinzogen.
Die großen Showgruppen setzten dann noch mal eins drauf. Gleich die erste Nummer „Fertile“ ( Fruchtbar ) aus Spanien war etwas zum tief Luft holen. Aus einem Rudel Spermien ( jaja, Sie haben richtig gelesen ! ) entsprang eine knallrote Vollblutfrau, die erst zu einem gemeinsamen Tänzchen animierte, dann jedoch selbst zur Verfolgten wurde ( oder so ).
Geht´s noch oder geht es mit einem durch, konnte man gerade noch denken, als das ganze schon unter einer roten, pulsierenden Plane endete. Spätestens da schicken besorgte taiwanesische Elternn ihre Kinder ins Bett. Dabei wäre die nächste Nummer genau das richtige für die Kleinen gewesen. „Jokers“ ( Hofnarren ) hieß sie, kam vom Maestro Sandro Guerra persönlich und vertrieb dir alle Sorgen, falls du welche dabei hattest. Es wurde drauf los choreographiert, dass es eine Lust war: herlich, herrlich, herrlich! Ein Mirakel an Farben, Formen und Fortbewegung. Die Halle tobte, stand Kopf und gab bereitwillig Ovationen an die 26-köpfige Truppe und ihren Chef. Taiwan war auch hier vertretem – und das gleich mit 26 Leuten, die Einblick in eine „Chinese Cuisine Fantasy“ gaben. Viele Köche verderben ja bekanntlich den Brei, hier jedoch beeindruckte die Masse – besonders in einem aufwendigen Schlussbild mit Fahnen, Drachen und Transparenten. Argentinien wollte es danach wirklich wissen. In „The revenge of the ants“ ( Die Rache der Ameisen ) durft man der Geburt einer roten Ameise teilhaftig werden. Moraloapostel können sitzen bleiben. Die Erzeuger sind auch im wirklichen Leben ein Ehepaar. Weshalb der Führer der schwarzen Ameisen keine Ruhe hatte, das Kind entführte und ermordete, erschloß sich nicht. Klar war jedoch, dass die Mutter nun ihrerseits Rache schwor und im Finale den Mörder enthauptete - diskret unter einer großen Plane, die wohl als Ameisenhaufen diente. Nach diesem Schocker war man für die harmlose, aber präzise und originelle „Pinocchio Factory“ äußerst dankbar. Sie erzeugte Stimmung pur und brachte die Halle ein zweites Mal aus dem Häuschen. Den Abschluß machte eine spanische Gruppe mit „Clouds Way“ ( Der Weg der Wolken ? ). Was sich tröge anließ, entpuppte sich mehr und mehr zu einer wirkliche schönen und elegischen Parabel mit wunderbaren Bildern. Auf der Ziellinie schnappten die spanischen Läuferinnen den enttäuschten Pinocchios die Silbermedaille weg. Gold ging natürlich hochverdient an die Jokers. So schön kann RollKUNSTlaufen sein!


5. Tag

Die Entscheidungen im Inline-Skating machten einmal mehr offenbar, dass die Möglichkeiten dieses Sportgerätes für Kunstlaufen nicht ideal sind. Zwar wirken die meisten Läufer / -innen verbessert, aber immer noch langsamer als die traditionellen Kunstläufer – vor allem in den Pirouetten. Bei den Damen kam Silvia Maragoni ( Italien ) zu einem klaren Sieg mit fünf ersten Plätzen vor Kirsten Slade ( Australien ), die letztes Jahr schon abtreten wollte, es aber wohl nicht lassen konnte. Einmal Zirkuspferd – immer Zirkuspferd! Lokalmatadorin Hsin Chia-Ling ( Taiwan ) machte ihre Landsleute glücklich, als sie vom 5. Kurzkürplatz auf Rang 3 insgesamt spang unhd Bronze für ihr Land holte.
Eric Traonouez ( Frankreich ) war überaus elegant, meisterte auch Beträchtliches wie einen Doppelaxel und zweieinhalb Dreifach-Sprünge, so dass er am Ende verdient siegte, allerdings ohne den Geschwindigkeitsrekord zu brechen. Carlos Urquia ( Argentinien ) war ihm zwar hart auf den Fersen ( vor allem in der KK ), wurde am Ende aber zweiter vor Marco Viotto
( Italien ).
Ganze 6 Formationen waren am Start. Nicht einmal die deutschen Teams hatten gemeldet. Welch ein Armutszeugnis! Überlegen siegten Milenium ( Argentinien ) mit einer hin-reißenden Walzerkreation, die einheitlich vom Publikum ( nicht von den Wertungsrichtern ) als Bestes honoriert wurde. Leichtfüßige Übergänge, große Genauigkeit, reiche Ideenfülle – ein bisschen von dem, was den europäischen Teams z.Zt. abgeht. Als skandalös wurde dagegen der zweite Platz vom Precision Team aus Italien mit „Short Track“ empfunden. Nicht nur war das ganze „booooring“, in die letzte Minute schlichen sich mehrere haarsträubende Patzer ein. Das störte in der Jury niemand, und man hievte die Gruppe auf den Silberrang. Schwach! Opfer dieser Fehlwertung waren Tradequip aus Argentinien, die mit einer Swingnummer auf die 5. Position abrutschte. Doch die bitteren Tränen der Titelaspirantinnen nützten nichts, auch Bronze ging - allerdings nicht unverdient – an Italien und das Team Blu Ice. Welch ein Potential in Argentinien vorhanden ist, mag sich anhand der Tatsache verdeutlichen, dass die Sieger des vergangegenen Jahres ( die ganz großartigen Nonnen ) sich dieses Jahr landesintern nicht qualifizieren konnten.
Nachtrag zum Junioren Paarlauf, nachdem es mir geglückt ist, eine Ergebnisliste zu ergattern. Auf eine Liste vom Tanzen mache ich noch Jagd! ):
Eine klare Sache war das Junioren-Paarlaufen für die beidenn italienischen Paare. Einstimmig in KK und Kür auf Rang 1 siegten Ambra Benedetti / Simone Bartelloni vor Sofia Melucci / Marco Garelli. Die Sieger werden vom berühmt-berüchtigten Rouben ( ehemals aus Südamerika ), dessen Nachnamen wohl niemand kennt, erfolgreich betreut und zu einem der wenigen eindeutigen Siege geführt. Klar auf Rang 3 die Franzosen Camille Frelicot/ Nathanael Fouloy vor den abgeschlagenen und wirklich schwachen US-Teams Mackenzie Wriedt / Alexander Poland und Allison Bolt/Richard Sorensen.

Senioren WM

Am ersten Trainingstag der Meisterklasse kehrten die Probleme mit dem Boden zurück. Schon bei der Eröffnungsfeier konnte man mit Straßenschuhen Eis laufen. Das ließ nichts Gutes ahnen. Das Pflichttraining ging noch in Ordnung, das folgende Tanzen endete jedoch in einem Fiasko und einer 60-minütigen Putzpause. Danach waren die Verhältnisse, die die italienische Nationaltrainerin vornehm mit „merde“ bezeichnete, nicht gut, aber man brach sich nicht mehr den Hals. Juhu! Am Nachmittag war die Bahn so glatt, dass man das seltsame Vergnügen hatte, den Herren beim Purzelbaumschlagen zuschauen zu dürfen. Aber deswegen war man ja eigentlich nicht hier. Zum „Trost“ gab es zum circa 10. Mal einen neuen Zeitplan mit gravierenden Änderungen. Stand der Dinge: es soll in der Nacht vom 17. auf den 18. November ein neuer Belag aufgetragen werden. Mit anderen Worten: es bleibt spannend in Chaoshiung!

Tatsächlich hatten die Veranstalter in einer Nacht-und Nebelaktion etwas auf die Fläche geschmiert. Leider hatte man vergessen, die Fläche vorher zu reinigen. Die versammelten Trainer stutzen erst, als ein australischer Funktionär, der um es vorsichtig auszudrücken, als exzentrisch gilt, bäuchlings auf dem Boden lag und die Fläche photographierte. Diese Aktion schärfte den Blick aller Anwewesenden, die zu ihrem Schrecken und Erstaunen feststellen mussten, dass der Boden mit Strasssteinen übersät war. Im Nu stützten sich zwei Dutzend Trainer auf die Bahn und kratzten mit Fingernägeln und Rollschuhschlüsseln die verklebten Glitzersteine vom Boden. Das Ergebnis dieser internationalen Zusammenarbeit reicht für die Ausgestaltung eines mittleren Kürkostümes. Das Pflichttraining lief dann ohne weitere dramatische Zwischenfälle ab, wenn man davon absieht, dass sämtliche Läufer sämtliche Rollen vom Tag davor gegen härtere austauschen mussten. Auch die Rolltänzer schienen zufrieden, nur im Paarlaufen lief es noch schief. Selbst die italienischen Roboter schliderten noch immer und immer unvermutet übers tückische Parkett. Stimmung und Mienen bei der Azzuri-Truppe verfinsterten sich.
Am Abend dieses letzten Pre-Wettkampftages legte das Pleiten-Pech und Pannen – Management eine Pause ein und lud zu einem wirklich stilvollen Welcome-Dinner in den 41. Stock eines Nobelhotels.
Ohne weitere Zwischenfälle gingen am darauf folgenden Tag die Pflichtwettbewerbe über das Parkett. In bewundernswerter Weise verteidigte dabei Sandra Woyciechowskr ( Hanau ) ihren Titel zum zweiten Mal und wurde dreifache Pflichtweltmeisterin. Nach einer langen Verletzungspause waren ihr Körper und ihre Nerven stark genung, um den Ansturm der Konkurrenz auszuhalten und abzuwehren. Dicht auf war vor allem Candida Cocchi ( Iualien ) auf Silber, zur dritten Christina Giulianini ( Italien ) war bereits ein beruhigender Abstand. Inga Knorr ( Göttingen ) landete erneut und zufrieden stellend auf der 4. Position. Der Wertungsrichter aus Taiwan - nicht nur seiner Abstammung nach ein Exot - sah das allerdings anders. Er platzierte sie auf Rang 17. Für alle Liebhaber heiterer „Literatur“ empfehle ich die erste Spalte der Pflichtergebnisse Damen. Hinter Inga dann zwei Starterinnen aus Argentinien vor Alba Perez Rifa ( Spanien ) - bemerkenswert das gravierend andere Ergebnis zur EM in Malaga – und vor der ersten Amerikanerin Niquel Garcia.
Bei den Herren kam Roberto Riva ( Italien ) zu einem Zittersieg über den Europameister Raphael Egli ( Schweiz ) und Christian von Känel ( Heilbronn ). Beide waren dem Titelverteidiger hart auf den Fersen und überholten dabei souverän den Vizeweltmeister des Vorjahres Kyle Turley ( USA ), der mit Rang 4 zufrieden sein musste. Die beste Pflicht lief Lars Clad ( Freiburg ) – im Training! Nach einem nur leicht nervösen Start in der Wende, verzitterte er sich im Doppeldreier total, bevor er sich mit der Schlinge und besonders mit einem fehlerfreien Gegendreier wieder als einer der besten Läufer vermittelte. Rang 7 unter 19 Startern – das war ein A-Kader-Platz aber mindestens 4 Plätze unter seinen Möglichkeiten.
Die deutschen Läufer sind drauf und dran, noch besser als im vergangenen Jahr abzuschneiden. Ich bin schon gespannt, mit welchen Begründungen man uns auch diesmal die Zuschüsse für die Zukunft kürzen wird.

Damit enden meine Berichte von einer WM, die man so leicht nicht vergessen kann. Wären da nicht die vielen freundlichen Menschen gewesen, die sich vielleicht einfach über- und eine solche Veranstaltung unterschätzt hatten, wäre man sicher mit Zorn und dem berühmten offenen Messer in der Tasche nach Hause gefahren. So fliegt man jedoch mit einer gewissen Sentimentalität im Bauch und Erinnerungen im Kopf nach Hause und denkt an ein Land, in dem man sich als Europäer gar nicht fremd vorkam und dessen Leben und Treiben auf den Straßen so ganz anders ist als in good, old Germany. Niemals wäre man vermutlich nach Kaohsiung gekommen – wenn nicht durch den Rollsport. Es hat sich trotz allem gelohnt, hier gewesen zu sein und erlebt zu haben, was Land und Leute zu bieten hatten.