Europameisterschaften 2008

Geheimsache Europameisterschaft im Rollkunstlaufen
Von Michael Obrecht

Auf größter Geheimhaltungsstufe fanden im spanischen Fuengirola ( bei Malaga ) die Europameisterschaften im Rollkunstlaufen statt. In dem quirligen Ferieort, der auch im September noch hochsommerliche Temperaturen bot, verriet kein einziges Plakat oder Transparent, dass sich hier Europas Rollkunstlauf-Elite traf. Die unscheinbare Halle entpuppte sich zwar vor innen als Schmuckstück, von außen jedoch hätte man eine Fabrik vermuten können. Auch hier war die Tarnung perfekt. Nur ein kleines Schild an einer Seitentür ließ Insider ahnen, dass dies der Eingang zur EM 2008 sein musste. Hatte man diese Öffnung einmal gefunden, konnte es tatsächlich losgehen.
Wie immer mit den Pflichtwettbewerben, bei denen das deutsche Team - ebenfalls wie immer
kräftig mitmischte. In Abwesenheit der verletzten Sandra Woyciechowsky ( Hanau ) ruhten die Medaillen-Hoffnungen auf Inga Knorr ( Göttingen ), die diese nicht erfüllen konnte. Knapp hinter Lokalmatadorin Alba Perez Rifa musste sie mit Rang vier zufrieden sein. Ilenia Baldisser ( Italien ) holte Silber – jedoch keineswegs ihn eindeutiger Manier. Einig war sich das werte Kampfgericht nur bei der Siegerin Elisa Giunti ( Italien ), die von allen auf Rang 1 gesetzt wurde. Verena Preis und Angela Preis ( beide Friedrichsdorf ) konnten mit den Plätzen 11 und 13 nur Erfahrungen sammeln auf dem für sie neuen internationalen Parkett.
Bei den Herren verteidigte Raphael Egli ( Schweiz ) seinen Pflichttitel. Christian von Känel
( Heilbronn ) holte mit soliden Leistungen Silber und Albert Trilla ( Spanien ) wurde auf der Ziellinie Dritter. Auf selbiger Ziellinie verspielte Nervenbündel Lars Clad ( Freiburg ) den Titel des Europameisters. Nach guten Leistungen in den ersten drei Pflichtfiguren vermasselte er den Gegedreier§ und fiel tragisch auf Rang 4 zurück. Marcel Dieckmann ( Essen ) wurde 6. – und das mit vier Plazierungen unter den ersten Drei. Was ein Schlamassel!!! Und das war das eigentliche Problem dieser EM. Nach vielen recht gut gewerteten internationalen Meisterschaften offenbarten sich in Fuengirola Auffassungsunterschiede ( hoffentlich ), die manche Ergebnisse wie die Ziehung der Lottozahlen aussehen ließen. Und um Margaret Brooks zu zitieren: „Es kann nicht sein, dass der Europameister bei einem Wertungsrichter auf Platz 6 liegt.“ Gut gebrüllt, Maggie. Aber dann muss auch was getan werden.
Bei den Juniorinnen holte Julia Woyciechowsky ( Hanau ) erwartungsgemäß Gold – nicht so sauber und souverän wie sonst, aber immer noch auf hohem Niveau. Man merke: Boris Becker gewann am Tag X Wimbledon und verlor vier Wochen später gegen die Nummer 98 der Weltrangliste. Davon war unsere Julia weit entfernt, aber es zeigt, womit man im Spitzensport rechnen muss. After all: es gibt doch keine menschlichen Roboter und ein Abo auf Medaillenränge erst recht nicht. Gut mithalten konnten Enrica Gasparini ( Italien ) auf Rang zwei und Dominique Aurich ( Hanau ) mit Bronze. Auch Charlotte Oberschild ( Frei-urg ) reichte es bei ihrem EM-Debut zu einem Platz unter der ersten Hälfte. Nämlich zu Rang 6 bei 13 Teilnehmerinnen.
Knapp ging es bei den Junioren Herren zu. Es siegte Luca Zanchetta ( Italien ), der ein weiteres Mal belegte, dass Italien seinen Pflicht-Winterschlaf beendet hat. Knapp dahinter Markus Lell ( Heilbronn ) und Yannick Neumann ( Darmstadt ), die man aber ebenso gut auf Gold hätte sehen können Matthias Clad ( Freiburg ) wurde 6.
Wichtige Entscheidungen standen im Paarlaufen der Meisterklasse an. Die lang verletzten Dresdner Christiane Reich und Hannes Muschol waren nachnominiert worden. Für Nathalie Dill und Patrick Friede ( Bad Friedrichshall ) schien es zunächst um die Qualifikation zur WM ( und indirekt zu den World Games ) zu gehen. Doch schon in der Kurzkür lagen sie auf Rang vier hinter Reich/Muschol. Unangefochten zogen die Italiener bereits davon. Auf eins: Guilia Merli / Daniele Ragazzi, auf zwei Lucia Squadrani/Davide De Gregorio. In der langen Kür brillierten die Azzuri, Reich/Muschul gefielen durch ihren eleganten Laufstil und einen wirklich wunderschönen Dreifach-Lutz. Verdient holten sie Bronze. Dill/Friede mussten nach einer enttäuschenden Kür den vierten Rang akzeptieren. In der verständlichen Verbitterung trennte sich das Paar noch vor Ort.
Bei den Junioren Paaren sah es nach einer weiteren Bronzemedaille aus. Camilla und Matthias Clad ( Freiburg ) hatten ein gutes Kurzkürprogramm abgeliefert und lagen klar in 3. Position vor den starken Franzosen Camille Frelicot/ Nathanael Fouloy. Italien regelte die Entscheidung unter sich. Sie sah Sofia Melucci/Marco Garelli auf Rang 1 und Arianna Di Damiano/ Alessandro Fratalocchi on 2. Position. In der entscheidenden Kür stürzten die Franzosen zweimal, Clad/Clad kamen fehlerfrei durch ihr etwas leichteres Programm. Der italienischen Wertungsrichterin war das ein 7.8 wert. Ihrer Kollegin aus der „Paarlaufnation“ Portugal nur eine 7.1, und es erhebt sich Frage: Was weiß Portugal über Paarlaufen, was Italien nicht weiß? Im Verbund mit der spanischen Richterin, der es ebenfalls nicht genügte, Clad/Clad etwas schwächer als die Franzosen zu bewerten, sondern sie offensichtlich „in den Keller schicken“ wollte, gelang doch noch das nicht mehr Erwartete: Clad/Clad fielen mit 2:3 Stimmen auf den 4. Rang zurück. In unglaublich fairer Manier entschuldigte sich der französische Trainer bei den Deutschen für dieses eklatante Fehlurteil.


Kür-Wettbewerbe
Von Uwe Neumann

Drei Damen schickte die deutsche Delegation bei den Junioren im Kürlaufen an den Start. Im Kurzprogramm lief bei allen Dreien leider nicht alles wie erwartet. Jana Kopp patzte beim Axel, Lisa Jakisch in der Sprungkombination und bei Janna Bülhoff schlichen sich gleich zwei Patzer ein. Rang 8, 10 und 14 hieß es dann im Zwischenergebnis. Vorne machten die Südländer den Wettbewerb unter sich aus. In Führung lag Sara Venerucci (ITA) mit einem choreographischen Feuerwerk, sicheren Sprüngen, schwierigen Pirouetten und einem wunderschönem Serpentinen-Schritt, allerdings könnte sie insgesamt mit mehr Tempo aufwarten. Knapp dahinter die Spanierin Julia Ventura Rey vor den beiden nächsten Italienerinnen Beatrice Grosso und Silvia Pasquini.
Im langen Programm zeigte Sara Venerucci ihre Schwierigkeiten ebenfalls sehr sicher, das Programm wirkte jedoch überholt, die eine oder andere Radwende zuviel – man hat sich daran einfach ‚Satt gesehen’ – im Gegensatz zu ihrem frischen Kurzprogramm hatte man vielleicht mehr erwartet. Ganz anders jedoch die Spanierin. Im Mozartkostüm zur klassischen Musik zeigte sie ihr volles Showtalent und kreierte eine ‚Komposition’, die zu Standing Ovations, nicht nur vom heimischen Publikum führte. Ein perfekter Doppelaxel und schwierige Dreifach-Kombinationen rundeten das anspruchsvolle Programm ab. In der A-Note waren die Wertungsrichter noch geteilter Meinung, aber über die B-Note wurde Julia Ventura Rey (ESP) zu recht neue Europameisterin. Sara Venerucci blieb der Titel in der Kombination.
Unsere deutschen Damen hatten sich für die lange Kür einiges vorgenommen und es sollte ihnen gelingen. Gleich in der ersten Gruppe zeigte Janna Bülhoff eine ähnlich starke Leistung wie an der Deutschen Meisterschaft und bleib lange Zeit in Führung. Am Ende bedeutete dies eine Verbesserung um 4 Plätze auf den erfreulichen 10. Platz. Auch Lisa Jakisch zeigte eine gute Kür. Man sieht, dass ihre Leistungen wieder konstanter geworden sind und auch der Doppelaxel deutlich verbessert wurde. Mit Platz 9 hatte sie sich somit genauso um einen Platz verbessern können wie die Deutsche Meisterin Jana Kopp, die am Ende Rang 7 erlaufen konnte. In ihrer ausdrucksstarken Kür gelangen Doppelaxel und Dreifachsalchow in Kombination sowie alle gängigen Pirouetten. Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass diese drei Damen weiter so arbeiten wie bisher und sich nicht von auftretenden Problemen aus dem Konzept bringen lassen.

Hohe Erwartungen wurden an Markus Lell bei den Herren gestellt und das nicht nur von Verbandsseite. Als klarer Gewinner des Deutschland-Pokals hatte Markus auch für sich selbst die Marke ganz nach oben gelegt. Die Leistung an der DM mit 3fach Flip und Lutz konnten sich ebenfalls sehen lassen. Doch eine Verletzung im linken Schienbein kurz vor der EM ließen alles wie eine Seifenblase platzen. In der Kurzkür patzte er leider gleich zweimal und musste mit Platz 7 im Zwischenergebnis zufrieden sein. Allerdings blieb noch die Hoffnung auf den Titel in der Kombination, denn Pflichtsieger Zanchetta (ITA) lag sogar noch hinter Lell auf Platz 8.
Auf Platz 1 lag nach dem Kurzprogramm der Franzose Pierre Meriel, der mit Startnummer 1 ins Rennen gegangen war. Drei Wochen vorher noch bei der Jugend-EM in Roccaraso am Start, konnte er ohne große Erwartung an den Wettbewerb gehen und machte das Beste daraus. Eine fehlerfreie Kurzkür bescherte ihm die Führung vor dem Spanier Xavier Lopez Gonzales und dem hohen Favoriten Andrea Girotto, der ebenfalls in Roccaraso am Start war und dort Jugend-Europameister wurde. Dem neuen italienischen Super-Talent (Kombination: Dreifach-Lutz/Rittberger/Dreifach-Rittberger/Rittberger/Dreifach-Rittberger) spielten aber wieder einmal die Nerven einen Streich. Trotz allem konnte er mit der langen Kür den Titel auch hier bei den Junioren gewinnen. Zweiter blieb der Spanier Xavier Lopez Gonzales.
Markus Lell kämpfte gut in der Kür, wenn man ihm am Ende seines 4-Minuten-Vortrags auch die Schmerzen ansah. Sein neues Programm mit der Choreographie von Sandro Guerra wusste zu gefallen. Einige kleine Patzer jedoch ließen die Noten nicht ganz so hoch gehen wie erhofft. Unverständlich dagegen die hohe Bewertung für den Italiener Zanchetta, der vom letzten Kurzkürplatz somit noch auf Platz 3 vor seinem Landsmann Angelo Annese kam und den Kombinationstitel gewinnen konnte.
Für Lell bleib am Ende der 5. Platz im Kürlaufen und die Silbermedaille in der Kombination. Bleibt zu hoffen, dass Markus seine Verletzung richtig ausheilen kann, damit er für die WM Anfang November in Taiwan wieder rechtzeitig fit ist und ein neues Aufeinandertreffen mit seinen italienischen Kontrahenten stattfinden kann.

Der Kurzkür-Wettbewerb der Senioren Damen in Malaga war geprägt durch Fehler, unsere deutschen Damen waren da leider nicht die Ausnahme. Monika Lis kam beim Dreifach-Toeloop nicht richtig weg und wirkte auch in den Pirouetten eher verhalten. Sie lag aber mit Platz 10 noch am besten. Inga Knorr und Verena Preis belegten die Plätze 13 und 14. Besonders unverständlich war die schlechte Wertung von Inga, die nur beim Dreifach-Flip den zweiten Fuß zu Hilfe nehmen musste und ansonsten ein fehlerfreies Programm absolvierte.
Im Gegensatz dazu lag vor ihr die Italienerin Gasparini auf Platz 12, ein für italienische Verhältnisse schlechter Platz, wenn man jedoch ihre Leistung sieht hätte sie sogar noch weiter nach hinten gehört. Fehlerfrei blieben in diesem Teilwettbewerb nur Alba Perez Rifa (ESP) und die Portugiesin Diana Ribeiro, die die Gunst der Stunde nutzte und hinter der Spanierin auf Platz 2 kam, dicht gefolgt von der zweiten Spanierin Sabela Rodriguez Senra. Ilenia Baldisser (ITA) sprang den Axel nur einfach und musste sich mit Platz 4 im Zwischenergebnis zufrieden geben.
In der langen Kür sollte ihr jedoch mehr gelingen. Ein schöner Doppelaxel und vielfache Dreifach-Kombinationen bedeuteten am Ende Platz 2 im Kürergebnis. Kein Weg führte jedoch an der neuen Europameisterin Alba Perez Rifa (ESP) vorbei. Sie meisterte alle Höchstschwierigkeiten einschließlich Dreifach-Flip und -Lutz nahezu perfekt und bekam zurecht die höchsten Noten (bis 9,6) in diesem Wettbewerb, wenn auch der Ausdruck von ihr manchmal etwas unterkühlt wirkt. Platz 3 im Damen-Wettbewerb ging an Monica Gimeno (ESP), die sich durch ihr schwungvolles Programm um 2 Plätze gegenüber der Kurzkür verbessern konnte.
Etwas enttäuschend das Abschneiden der deutschen Damen, sie belegten am Ende die Plätze 11 bis 13 in der Reihenfolge Lis, Knorr und Preis. Hier müsste unbedingt am selbstbewußten Auftreten und der Präsentation der Programme gearbeitet werden, denn die Leistungen der Damen, zumindest im langen Programm, waren nicht so schlecht wie die Platzierung.

Das Kombinationsergebnis sah die gleiche Reihenfolge wie im Kürlaufen. Europameisterin wurde Alba Perez Rifa (ESP) vor Ilenia Baldisser (ITA) und Monica Gimeno (ESP). Inga Knorr belegte Rang 7, Verena Preis Rang 9.

Gespannt war man aus deutscher Sicht auf das Abschneiden von Christian von Känel bei den Herren. Trotz kleiner Patzer kam er gut durch das Kurzprogramm und lag aussichtsreich an 5. Position. In Führung der Italiener Andrea Aracu gefolgt von Oscar Molins Ruiz (ESP), der seinen Heimvorteil auf eigener Bahn hier noch nutzen konnte und Matteo De Santi (ITA). Keiner der Herren wusste jedoch so recht zu überzeugen, weder im Kurzprogramm noch in der langen Kür. Den größten Sprung nach vorne konnte hierbei der Franzose Francois Cattoire verbuchen, der von Platz 6 im Kurzprogramm mit einer tollen, auch choreographisch sehr interessanten Kür auf Platz 3 kam. Dabei zeigte er Sprungkombinationen mit Dreifach-Rittberger ebenso sicher wie mit Dreifach-Lutz. Andrea Aracu kämpfte sich mehr oder weniger durch sein Programm. Ihm gelangen dabei einige Sprünge eher durch seine Kraft denn durch die Technik, aber auch er zeigte Kombinationen mit Dreifach-Lutz und –Rittberger, den Grundstein zum Sieg hatte er jedoch durch die gute Kurzkür gelegt. Auf Platz 2 verbesserte sich Matteo De Santi (ITA), der Spanier Oscar Molins Ruiz fiel auf Platz 5 zurück noch hinter seinen Landsmann Javier Cabeza Ruiz.
Dem deutschen Meister Christian von Känel wollten leider nicht alle Sprünge gelingen und zweimal musste er gar einen Sturz hinnehmen. Mit Platz 8 im Endergebnis konnte er nicht ganz zufrieden sein, wäre doch mehr drin gewesen.
Im Kombinationsergebnis gewann von Känel hinter Matteo De Santi und vor dem Schweizer Raphael Egli nochmals eine Silbermedaille für das deutsche Team.